Absolute
Relativität?
Oder:
Wie weit tragen die Füße?
Die Frage nach der Natur des Raumes wurde bereits vor fast 2500 Jahren in einer heute leider nur noch seltenen Tiefe gestellt. „Wenn der Ort irgend etwas von den seienden Dingen ist, so wird er irgendwo sein. ...... denn wenn jedes, das ist, an einem Ort ist, so ist klar, dass es auch einen Ort des Ortes geben wird, und so weiter bis ins Unendliche. ...“1, so eine der klassischen Paradoxien des Zenon, wie sie Aristoteles überliefert hat (hier nur auszugsweise wiedergegeben) und mit der nach einem festen Grund für die Welt der Erscheinungen gefragt wird. Darauf werde ich am Schluss zurückkommen.
Als Ausgangspunkt für die nachstehenden Überlegungen soll die folgende Aussage von
Max Born dienen: „Wenn von zwei relativ zueinander bewegten Beobachtern jeder
das gleiche Recht hat zu sagen, er ruhe im Äther, so kann es gar keinen Äther
geben. Die Äthertheorie führt also in ihrer höchsten Entwicklung zur Aufhebung
ihres Grundbegriffes.“ 2
Max Born beschreibt damit den Niedergang der Äthervorstellung, die das gleiche Schicksal ereilte wie zuvor den absoluten Raum Newtons, der durch das klassische Relativitätsprinzip der Mechanik bereits ausgehebelt war. Dieses Prinzip besagt, dass es kein empirisches oder theoretisches Mittel gibt festzustellen, ob sich einer – und gegebenenfalls welcher – der beiden Beobachter in Ruhe befindet. Dadurch wird es sinnlos, „einen bestimmten Ort im absoluten Raum als etwas Wirkliches im Sinne der Physik anzuerkennen, denn es gibt kein mechanisches Mittel, einen Ort im absoluten Raum zu fixieren oder wiederzufinden“3.
Die Abwendung vom Absoluten auf seinem scheinbaren Höhepunkt, wie sie von M. Born dargestellt wird, findet eine Parallele in der landläufigen Erkenntnis, dass Dinge in ihr Gegenteil umschlagen, wenn man den Bogen überspannt. Hier war das Gegenteil die Relativitätsvorstellung, wie sie von Albert Einstein mit letzter Konsequenz vorangetrieben wurde.
Wie ich im folgenden näher ausführen werde, scheint die mit einer Überzeichnung verbundene Gefahr trotz der großen Erfolge der Relativitätstheorie auch bei dieser Denkweise gegeben zu sein, ohne dass ich entsprechende Hinweise ich in der einschlägigen Literatur hätte finden können. So wie zuviel bekanntlich weniger ist, führt ein Übermaß an Relativität in gewisser Weise wieder zum Absoluten zurück.
Auf der Basis der speziellen und allgemeinen Relativitätstheorie lässt sich nämlich ohne weitere Voraussetzungen eine Unterscheidung zwischen einem bewegten und ruhenden System treffen.
Ein Beweis für die Existenz eines absoluten Raumes kann auf dem von mir eingeschlagenen Weg zwar nicht gegeben werden, doch wird gezeigt, dass es durchaus einen Sinn macht, zumindest von einer absoluten Ruhe relativ zur Gesamtmasse der übrigen kosmischen Materie zu sprechen und zwar nicht nur – wie bereits Ernst Mach hervorhob – bezüglich der Rotation, sondern auch hinsichtlich der einfachen (d.h. geradlinigen, nicht beschleunigten) Bewegung. Das ist gleichbedeutend mit der Feststellung, dass bezogen auf die kosmische Gesamtmasse konkrete Orte im Raum existieren, die mit physikalischen Mitteln markiert und wiedergefunden werden können. Dementsprechend kommt jedem gleichförmig dazu bewegten System eine absolute, objektiv verifizierbare Geschwindigkeit zu.
Zum Beweis dieser Behauptung wird nachgewiesen, dass unter den genannten relativistischen Voraussetzungen die physikalischen Abläufe in gleichförmig gegeneinander bewegten Systemen entgegen der allgemeinen Darstellung nicht identisch sind.
Zunächst soll eine anschauliche Vorstellung vom Beweisgang vermittelt werden, die zwar nicht logisch zwingend ist, jedoch hilft, die später folgende lückenlose Version leichter einzuordnen.
Dieses anschauliche Beweismodell geht von der Kugeloberfläche im dreidimensionalen Raum aus. Hier liegt die kürzeste Verbindung zwischen zwei verschiedenen Punkten P1 und P2, die auch als geodätische Linie bezeichnet wird, auf der Schnittmenge der Punkte der Kugeloberfläche und den Punkten derjenigen Ebene, die durch den Mittelpunkt der Kugel und die beiden Punkte P1 und P2 geht. Da die Schnittmenge einen Kreis mit maximalem Durchmesser auf der Kugel darstellt, kann man auch sagen, dass der kürzeste Weg zwischen P1 und P2 auf dem durch die beiden Punkte führenden Großkreis liegt.

Gibt es nun außerhalb der Kugeloberfläche keine Bewegungsmöglichkeit für die materiellen Objekte unserer 2-dimensionalen Modellwelt, so bewegen sich Partikel ohne Einwirkung einer äußeren Kraft oder bei Anwesenheit einer gleichförmig verteilten, gravitierenden Materie mit konstanter Geschwindigkeit auf den beschriebenen Großkreisen. Wer hierbei ruht bzw. sich bewegt, ist einzig eine Frage des Beobachterstandpunktes. Man kann dann sagen, dass unter den genannten Eigenschaften unseres speziellen 2-dimensionalen Beobachtungsraumes in ihm die klassischen mechanischen Gesetze gelten.
Wenn imaginäre Bewohner unserer Kugeloberfläche erst damit begonnen haben, in einem – gemessen am Kugelumfang – sehr kleinen Raumgebiet Physik zu betreiben, so werden sie sich aufgrund des Ausgangs ihrer Experimente von der Geltung der klassischen mechanischen Gesetze überzeugen können. Auf zwei relativ zueinander in Bewegung befindlichen Inertialsystemen (siehe unten) führen unter dieser Voraussetzung alle Experimente zu gleichen Resultaten. Die Symmetrie der Versuchsergebnisse erlaubt demnach keine Unterscheidung der beiden Systeme oder die Auszeichnung eines Systems als ruhend. Damit sind sie bei der ersten Voraussetzung der Einsteinschen Kinematik, dem Relativitätsprinzip angelangt: „Es gibt unendlich viele, relativ gleichförmig und geradlinig bewegte Bezugssysteme (Inertialsysteme), in denen alle Naturgesetze ihre einfachste (ursprünglich für den absoluten Raum oder ruhenden Äther abgeleitete) Gestalt annehmen.“ 4 Diese aus der Symmetrie der Versuchsergebnisse resultierenden Nichtunterscheidbarkeit ist der Kern des Relativitätsbegriffs.
Mit fortschrittlichen physikalischen Kenntnissen können unsere erdachten Wesen jedoch durchaus feststellen, ob ein Partikel ruht oder ob er in Bewegung ist. Das ist möglich, obwohl die Messung zentrifugaler Kräfte ausgeschlossen ist. Diesseits und jenseits der Kugeloberfläche gibt es ja keinen Spielraum. Eine senkrecht auf der Kugeloberfläche stehende Kraft kann somit keine messbare Beschleunigung hervorrufen. Die Erkenntnislage ändert sich allerdings, wenn auch globale Eigenschaften mit ins Spiel gebracht werden: Wird das Experimentierfeld so groß gewählt, dass die Beobachtungszone eine merkliche Abweichung von einer dort tangential anliegenden Ebene aufweist, so können nicht alle Bewohner der Kugeloberfläche zu gleichartigen physikalischen Resultaten kommen.
Unter den gegebenen Voraussetzungen existiert nämlich ein System S1 mit der Eigenschaft, dass alle von S1 mit einer Geschwindigkeit v ausgesandten Partikel nach Umrundung der Kugel auf einem Großkreis nach einer Zeitspanne T(v) wieder aus der entgegengesetzten Richtung zu S1 zurückkehren. Auf einem derartigen durch S1 verlaufenden Großkreis g1 möge sich auch ein System S2 mit gleichförmiger Geschwindigkeit vs (mit vs <<v) bewegen, das zum Zeitpunkt t0 in S1 eintreffen möge.
Damit es nicht zur Kollision kommt, kann man sich vorstellen, dass S1 eine Passage für S2 aufweist. Auch sonst sollen die beiden Systeme keine ihre Bahn merklich beeinflussende Kraft aufeinander ausüben.

Sowohl ein Beobachter auf S1 als auch ein anderer auf S2 können vorerst von sich behaupten, jeweils selbst in Ruhe zu sein. Und genau diese Annahme wird – so der Beweisgang - für den Standort S2 nicht zu halten sein.
Die folgende Grafik stellt die beiden Systeme aus der Sicht von S1 kurz vor der Koinzidenz, also dem Zusammentreffen dar.
S1

Zum Zeitpunkt t0, also genau dann, wenn S1 und S2 die folgende Position zueinander einnehmen,
P


emittiert S1 ein Photon P (oder sehr schnelles Teilchen), dessen Bewegungsrichtung aus seiner Sicht senkrecht auf g1 steht. P wird sich auf einer geodätischen Linie, also auf einem Großkreis g2 bewegen, der durch Ausgangspunkt und -richtung eindeutig festgelegt ist. Bewegt sich S2 sehr langsam im Vergleich zu P, so wird es sich zum Zeitpunkt t0+T der Rückkehr von P noch nicht sehr weit von S1 entfernt haben.

Wie wird nun der gesamte Vorgang von den Beobachtern auf S2 interpretiert? . Gemäß den Grundsätzen der klassischen Physik und der speziellen Relativitätstheorie, die durch die allgemeine Relativitätstheorie sogar noch eine Verschärfung des Begriffs der Relativität im Sinne der Nichtunterscheidbarkeit (hinsichtlich der hier nicht relevanten Phänomene Gravitation und Beschleunigung) erfahren, wird er postulieren, dass er selbst in Ruhe ist, während sich S1 relativ zu ihm bewegt. Der Sachverhalt vor dem Zusammentreffen wird also von S2 also wie folgt verstanden:
![]()

Der Beobachter auf S2 stimmt aus seiner Sichtweise darin überein, dass zum Zeitpunkt t0 der Koinzidenz mit S1 von diesem ein Signal ausgesandt wird, das allerdings aufgrund der Gesetze der Vektoraddition der Geschwindigkeiten aus der „Perspektive“ von S2 schräg auf g1 steht. Die von ihm wahrgenommene Bewegungsrichtung und –größe sind in der nachstehenden Darstellung durch den grünen Pfeil e+s dargestellt:

(Die
relativistische Vektoraddition weist gegenüber dem hier angewandten einfachen Verfahren eine minimale Abweichung
auf, die jedoch für diesen Beweisgang ohne Belang ist, da es alleine auf das
Prinzip der richtungsgleichen Rückkehr zum Ausgangspunkt ankommt.)
Ein zum Zeitpunkt
t0 von S2 im entsprechend schrägen Winkel zu g1 abgeschicktes Signal würde sich
auf der gleichen Linie bewegen wie P. Ein solches Signal würde aber – nach der
hier zunächst eingenommenen relativistischen Auffassung von S2 - nach der
Umrundung eines Großkreises zu ihm zurücklaufen müssen. Dass der Beobachter in
S2 sich mit gleichem Recht wie S1 als in Ruhe befindlich betrachtet, bedeutet
ja nichts anderes, als dass er bei der Durchführung eines Experiments in seinem
System mit einem Ergebnis rechnet, das sich von den in S1 gewonnenen Resultaten
nicht unterscheidet. Daher wird er mit gleichem Recht die Rückkehr des Signals
in S2 erwarten. Seine Einschätzung hinsichtlich des Ausgangs zum Zeitpunkt der
Rückkehr t0+T ist durch den grünen
Pfeil wiedergegeben:
![]()
![]()

Das Signal wird
also S2 nach dessen Auffassung zum Zeitpunkt t0+T erreicht haben (S1 kann ja
als beliebig dünn angesehen werden).
Statt dessen, so
wissen wir aus der vorangegangenen Überlegung, trifft das Signal zu diesem
Zeitpunkt aber tatsächlich bei S1 ein (roter Pfeil) und läuft damit in einem
bestimmten, über die Relativgeschwindigkeit zwischen S1 und S2 regulierbaren
Abstand d an S2 vorbei. Das ist der behauptete Widerspruch.
Um die Bewegungseigenschaft
festzustellen, genügt es übrigens nicht, nur ein einziges Signal auszusenden.
Dessen Richtung könnte ja zufällig mit der Bewegungsrichtung des Systems
zusammenfallen. Vielmehr sind zwei Signale erforderlich, deren
Geschwindigkeitsvektoren senkrecht aufeinander stehen sollten. Aus den
Abständen, mit denen die beiden Signale bei ihrer Rückkehr am aussendenden
System vorbeilaufen, lässt sich dann dessen tatsächliche Geschwindigkeit
ermitteln. Laufen dagegen beide Signale zum System zurück, so befindet es sich
in Ruhe.
Der eigentliche
Beweis ist knapper, wenn auch abstrakter. Analog zu dem anschaulichen Modell
wird gezeigt, dass die Vorstellung eines gekrümmten Raumes, in dem für alle
gleichförmig gegeneinander bewegten Beobachter die gleichen Gesetze gelten, zu
einem Widerspruch führt: Der konkrete Ausgangspunkt ist folgendes Zitat: „Daher
sollte ein Lichtsignal oder ein in bestimmter Richtung abgeschossener Körper
von der anderen Seite, der entgegengesetzten Richtung, zurückkehren, natürlich
nach sehr langer Zeit.“ 5
Max Born bezieht sich hier auf den 3-dimensionalen, gekrümmten Raum
Einsteins.
In diesem Raum
mögen sich nun zwei auf verschiedenen Inertialsystemen befindliche Beobachter
B1 und B2 mit der Relativgeschwindigkeit vs aufeinander zu bewegen.
Zum Zeitpunkt t0 der Koinzidenz sendet B1 nun zwei Lichtsignale in senkrecht
aufeinander stehenden Richtungen aus,
die nach der Voraussetzung zu B1 (gleichzeitig) zurücklaufen werden. Da die
Weltpunkte von B1 und B2 zum Zeitpunkt t0 identisch sind, kann B2 aber die
Auffassung vertreten, dass die beiden Signale von ihm selbst ausgegangen sind
(wenn auch hinsichtlich des Winkels zwischen den beiden Signalen und ihrer
Geschwindigkeit keine Übereinstimmung zwischen beiden besteht). Folglich wird auch er deren Rückkehr
erwarten. Aber höchstens einer der beiden Strahlen kann bei der Rückkehr sowohl
B1 als auch B2 treffen. Der andere wird dann – entgegen den Annahmen - entweder
an B1 oder an B2 oder sogar an beiden vorbeilaufen.
Übrigens: Auch A.
Einstein hat sich bei seinen Überlegungen
von reinen Gedankenexperimenten leiten lassen, die erst später – auf der
Grundlage von Folgerungen aus seiner Theorie – experimentell bestätigt wurden.
Daher ist die Feststellung von Interesse, dass aufgrund der hier gezeigten
Zusammenhänge ein Lichtstrahl für einen sich nicht auf dessen Bahn bewegenden
Beobachter nicht mehr als geodätische Linie wahrgenommen wird, sondern im Sinne
einer Asymmetrie gekrümmt erscheint. Daraus folgt, dass ein System von
parallelen Spiegeln, die in großem Abstand voneinander angebracht werden und
zwischen denen etwa ein Laserimpuls reflektiert wird, im Falle der Bewegung des
Systems je nach seiner Orientierung im Raum unterschiedliche Ergebnisse
erzeugt. Stehen die Spiegelflächen senkrecht auf der Bewegungsrichtung, werden
die Laserstrahlen beliebig oft zurückgeworfen. Bei einer Drehung um 900 zur Bewegungsachse verlassen die Strahlen
dagegen das System nach einer Dauer, die von der Raumkrümmung und der Systemgeschwindigkeit v abhängig ist.
Für eine strenge Beweisführung ist hier nicht der Ort, jedoch kann man sich die
Sachlage anhand des eingangs geschilderten anschaulichen Kugelmodells leicht
klarmachen.
Am günstigsten
hierfür ist der Extremfall, wenn die beiden Spiegel auf entgegengesetzten
Seiten des Kugeläquators liegen, während das Ausgangssignal von einem der
beiden Pole abgeschickt wird.
Beim Übergang von
lokalen auf globale physikalische Eigenschaften ergibt sich aus der
Relativitätsvorstellung (hier: in Verbindung mit der speziellen
Relativitätstheorie) noch ein weiterer, beunruhigender Widerspruch:
Zum Beweis der
Behauptung begibt man sich wieder in den gleichmäßig gekrümmten, endlichen
dreidimensionalen Raum, wie er von Einstein angenommen wird. Zudem gehe ich
hier aus Gründen der Einfachheit von dem statischen Modell aus und nicht von
einem expandierenden oder sich zusammenziehenden Universum, da es beim Beweis
um Symmetrieeigenschaften geht, für die dieser Sachverhalt nicht relevant ist.
Wiederum nehmen wir
an, dass alle Inertialsysteme gleichberechtigt sind und werden zeigen, dass man
damit zu einem Widerspruch kommt.
Entlang eines von
einem solchen Inertialsystem S ausgehenden, kontinuierlichen Lichtstrahls l
wird eine starre, relativ zu S ruhende Konstruktion errichtet. Diese besteht
aus Ringen, die in gleichen Abständen fest miteinander verankert sind, wobei
der Lichtstrahl durch die Ringmitten verlaufen soll. Auf jedem Ring befinde
sich ein Beobachter. Zur Unterscheidung von seinen Kollegen sind die Beobachter durch fortlaufende Indizes
gekennzeichnet. Der erste trage die Bezeichnung B0. Da der Kosmos
nur endliche Ausmaße hat, wird sich - nach einer allerdings sehr langen
Konstruktionsdauer - die Kette schließlich aus der entgegengesetzten Richtung
wieder B0 nähern. Werden bis
zur Schließung des Kreises n+1 derartige Teile benötigt, so sind mit . B0,
B1, B2, ... , Bn alle Beobachter unseres
Systems in der erzeugten Reihenfolge aufgezählt.
B2 B0 B3 B1

![]()
Dort wo der
Lichtstrahl l verläuft, wird nun eine weitere Gruppe von Beobachtern
eingerichtet, die ebenfalls starr in einem
System
miteinander
verankert sind.
soll sich gegenüber S mit gleichförmiger
Geschwindigkeit auf der ehemaligen Bahn des Lichtstrahls l bewegen und stellt
daher selbst ein Inertialsystem dar. Ferner sollen die Koppelungsstücke
zwischen den einzelnen Beobachtern auf
hinsichtlich ihrer
physikalischen Beschaffenheit denen von S vollständig gleichen. Damit wird
insbesondere vorausgesetzt, dass sie – wenn beide Systeme in relativer Ruhe
zueinander sind - die gleiche Länge wie die von S besitzen.
Bewegt sich nun
mit einer Relativgeschwindigkeit v relativ zu S auf der
genannten Linie, so erscheinen aus der Sicht der Beobachter B0, B1,
B2, ... , Bn auf S die Abstände derer auf
gemäß der speziellen
Relativitätstheorie verkürzt. Durch geeignete Wahl von v kann der Faktor, um
den die Längen auf
in Bewegungsrichtung kontrahiert erscheinen, beliebig
eingestellt werden. Das folgende Beispiel arbeitet mit einem Faktor f =
0,5.
Um eine derartige
Längenmessung durchführen zu können, müssen zunächst alle Beobachter auf S, mit
synchron laufenden Uhren ausgestattet werden. Das ist, wie Einstein gezeigt
hat, einwandfrei möglich. In unserem Fall wird diese Messung zu einem als
t0 bezeichneten
Zeitpunkt von allen Beobachtern auf S ausgeführt, wenn B0 und
auf gleicher Höhe sind.
B3 B2 B1 B0

Unter dem hier
gewählten Schrumpfungsfaktor f = 0,5 werden dann zum Zeitpunkt t0 folgende
Koinzidenzen registriert: B0
mit
, B1 mit
, B2 mit
u.s.w., bis Bn/2
mit
.
Das ist ein
merkwürdiges Ergebnis. Denn wenn S und
- wie vorausgesetzt - Inertialsysteme und daher gleichberechtigt sind, müssen sie bei
identischer Bauart zur Schließung des „Kreises“ mit der gleichen Anzahl von
Kettengliedern/Beobachtern auskommen. Verfügen S und
beispielsweise über je 1001 Beobachter, so wird sich B500
seinem Kollegen
gegenübersehen. Da im
System
auf
direkt
und dann
folgen (beide Systeme sind geschlossen), so wird sich zum
Zeitpunkt t0 auch B501 auf gleicher Höhe mit
befinden. Diese Aussage hatten wir aber bereits für B1 gemacht. Ein derartiger Widerspruch ist auch
in der Einsteinschen Raumzeitdarstellung nicht erlaubt. Entweder klafft also im Fall der Bewegung
von
zwischen
und
- sofern dort eine Bruchstelle eingebaut wurde - eine große Lücke
oder es werden doppelt so viele Beobachter zur Vervollständigung des Systems
benötigt. Beide Sachverhalte sind objektiv verifizierbar und
führen zu einer klaren Unterscheidbarkeit der beiden Systeme. Danach ist es
sinnvoll zu sagen, dass es sich bei demjenigen System, das unter den genannten
Konstruktionsvorschriften mit der kleinsten Beobachterzahl auskommt, um das
Ruhesystem handelt.
Symmetrie
Bei der Frage nach Ruhe
und Bewegung handelt es sich um ein Symmetrieproblem. Symmetriebetrachtungen
operieren mit dem Begriff der Nichtunterscheidbarkeit im Falle einer
Vertauschung und sind ein wirkungsvolles mathematisches Werkzeug für Beweise.
Einige der in der vorliegenden Darstellung gemachten Voraussetzungen können
beispielsweise leicht aus Symmetrieeigenschaften abgeleitet werden:
1.
Besitzt der Raum ein
endliches Volumen, so ist er nicht begrenzt – im Sinne eines Randes.
Beweis aus der
Symmetrie/Gleichwertigkeit der Raumpunkte: Gäbe es die genannten Randpunkte, so
würden sie sich von den Punkten im Inneren des Raumes dadurch unterscheiden,
dass man von ihnen aus nicht in alle Raumrichtungen fortschreiten kann. Damit
weisen die Randpunkte aber eine qualitative Ungleichheit gegenüber den
Innenpunkten auf.
2.
Ein von einem
Ausgangspunkt A0 ausgehender Lichtstrahl muss bei endlichem Raumvolumen zu
diesem Ausgangspunkt aus der entgegengesetzten Richtung zurückkehren.
Der Beweis benutzt zusätzlich die Symmetrie/Gleichwertigkeit der möglichen
Orientierungsrichtungen im Raum:
Aus der Astronomie wissen wir, dass sich ein Lichtstrahl
von seinem Ausgangspunkt über viele Lichtjahre hinweg stets
weiter entfernt. Für eine
Distanz D von z.B. 104 Lichtjahre können wir das
sicher behaupten. Um A0 denken wir uns
nun eine Kugel vom Radius R=D/4. Hat der Lichtstrahl nun zu
A0 eine Entfernung von 2*R
zu A0 erreicht, so markieren wir dort einen weiteren Punkt
A1 mit einer ebenso großen
Kugelschale um sich herum. Auf diese Weise fahren wir fort,
weitere Kugelschalen zu
erzeugen. Da das Raumvolumen gemäß der Voraussetzung
endlich ist, muss uns der Platz
für neue Kugeln ausgehen. Diejenige Kugel, auf die wir mit
unserem Verfahren als erste
stoßen, muss A0 sein, denn wäre es eine andere, so wäre sie
und mit ihr die in ihr
enthaltenen Punkte unter allen übrigen ausgezeichnet. Das
liefe aber auf eine
Unterscheidbarkeit der Raumpunkte hinaus. Die Radien der
Kugeln kann ich mir ferner stets
kleiner als jede beliebige reelle Zahl denken – z.B. als
0,000000001cm. Ist aber die
Annäherung unseres Lichtstrahls an A0 kleiner als jede
denkbare Zahl, so muss er durch A0
selbst verlaufen.
Zudem muss seine Bewegungsrichtung r bei der
Rückkehr mit der des ausgesandten Signals (Richtungsvektor a)übereinstimmen.
Denn wäre dies nicht so, würden die beiden unterschiedlichen Richtungen
eindeutig eine durch A0 verlaufende Ebene bestimmen. Auf dieser Ebene gäbe es
wiederum nur eine in A0 auf a senkrechte Raumrichtung, die innerhalb des kleineren von a und r
gebildeten Winkels liegt. Damit wäre aber nach Vorgabe einer beliebigen
Raumrichtung – in die der Lichtstrahl geschickt wird - ein und nur ein auf dieser senkrecht
stehende Raumrichtung ausgezeichnet, was ebenfalls einen Symmetriebruch
darstellen würde.
Damit ist die Beweisführung abgeschlossen.
Auswege und Fazit:
Schon vor geraumer Zeit hat der Triumph der
Relativitätstheorie auch im allgemeinen Denken zu einer Bewusstseinsveränderung
geführt, wobei in erster Linie der
Respekt vor dem Standpunkt anderer oder zumindest dessen Duldung zu
nennen ist. Eine so verstandene Toleranz war zu meiner Studienzeit Anfang der
60-er Jahre ein geachtetes und oft benutztes Wort. Heute hört man es nur noch
vergleichsweise selten. Geblieben ist dagegen ein Verständnis des Begriffs der Relativität, der alles auf
der gleichen – sprich untersten Ebene -
zusammenwirft.
Und noch eine andere mit dem Relativismus eng verwandte
Denkweise verdient Skepsis: Dass nämlich das, was man nicht messen/sehen kann,
auch nicht existent ist. Dass Newton und mit ihm die Physiker der alten Schule
– bis hin zu Lorentz, der schließlich widerwillig nachgab – trotz fehlender
Verifizierbarkeit an der Vorstellung eines absoluten Raumes festgehalten haben,
grenzt schon an ein Urvertrauen. Nach langer Zeit und ausgerechnet im Kontext
der Relativitätstheorie zeigt sich nun, dass es sich dabei doch nicht um eine
leere Idee gehandelt hat. Dass die von mir gezeigte Messbarkeit von
Bewegung/Ruhe zunächst „nur“ unter Bezugnahme auf den Gesamtkosmos zu verstehen
ist, entzieht dem nur teilweise den
Boden. Denn ist nicht der materielle Kosmos ein Funke des Absoluten?
Andererseits: Da physikalische Objekte definitionsgemäß ihrerseits Teile des
Kosmos sind, lautet die Antwort dann in einem gewissen Maße auch, dass die
Dinge dort sind, wo sie sind. Wem ist damit gedient?
Was nun? Auf
der Suche nach tragfähigerem Grund führte die Suche weg vom Absoluten hin zur
Relativität und von dort wieder zurück. Diese Erkenntnis ist eher beunruhigend.
Will man sich vor ihr schützen, kann man einwenden, dass hier in Größenmaßen
operiert wurde, die dem experimentellen Zugriff – zumindest in absehbarer
Zukunft – entzogen bleiben, sofern das angedeutete Spiegelexperiment oder vergleichbare
Versuche nicht realisierbar sind. Im
Klartext würde dieser Einwand darauf hinauslaufen, dass Aussagen jenseits der
direkten Überprüfbarkeit kein
grundsätzlicher Wert zukommt. Damit wäre aber zugleich ein vernichtendes Urteil
über alle kosmologischen Theorien gesprochen, angefangen vom sogenannten
Urknall bis hin zur gesuchten Weltformel.
Aber so leicht wird man es sich vermutlich nicht machen
können, da der Kern der vorliegenden Überlegungen auf der richtungstreuen
Rückkehr des Signals beruht, die
ihrerseits wieder auf Symmetrieüberlegungen basiert. Somit bliebe als ein
möglicher Ausweg ein Bruch des Symmetrieprinzips. Dies aber ist wiederum das
beste Pferd im Stall der Physik und wäre auf diese Weise gleichsam in den
Ruhestand versetzt. Auch die Preisgabe der Relativitätstheorie würde sich vermutlich nur als Opferzug mit befristeter
Wirkung erweisen.
Was bleibt, sind also Widersprüche. Existieren sie nur in
den Gedanken oder auf dem Papier? Haben wir etwa das Prinzip des Widerspruchs
erfunden, und warum soll die Natur frei davon sein?
Wird die Reise vom
Absoluten zur Relativität und zurück beim Absoluten enden? Wohl kaum!
Eher wird sie sich als circulus vitiosus erweisen, als Zirkelschluss auf der
Suche nach mehr Sicherheit. Man spricht davon, sich im Kreis zu bewegen, wenn
sich Selbstbezüglichkeiten als Hindernis auf dem Weg zu weiterreichenden
Einsichten zu erkennen geben.
Was als Selbstverwirklichung (einem Modewort, das zu Recht
bereits ziemlich angestaubt wirkt) schon auf der menschlichen Ebene nicht wirklich tragfähig ist, kann auch im
exakten naturwissenschaftlichen Rahmen kein brauchbares Gegenstück haben. Wie
lange und wie oft muss man sich im Kreis bewegen, um zu seinem Ende zu
gelangen? Es ist daher bedenkenswert, einen Blick oder Sprung aus dem System
heraus zu wagen. Wohin? Vielleicht zum Nächstliegenden.
Rückblende: „Wenn der Ort irgend etwas von den seienden Dingen ist, so wird er irgendwo sein. ...... denn wenn jedes, das ist, an einem Ort ist, so ist klar, dass es auch einen Ort des Ortes geben wird, und so weiter bis ins Unendliche....“ 6 Diese Fragen stehen fast am Anfang der überlieferten Geschichte einer Suche. Der Suche wonach? Und was treibt beharrlicher zur Suche an als die Sehnsucht, die sich mit dem Bild einer endlosen Kette unbefriedigender Antworten nicht zufrieden gibt. Wie also – und dies als letzte Frage – sieht eine Antwort aus, die auch dem Herzen genügt und nicht letztlich wieder von ihm verworfen wird?
1 Carl-Friedrich Geyer, Die Vorsokratiker, (Junius, Hamburg 1995), S.115f.
2, 3, 6 Max Born, Die Relativitätstheorie Einsteins (Springer, Berlin 1969), 5. Auflage, S. 192
4 Ebenda, S. 200
5 Ebenda, S. 314
Autor: Michael Schott
Waldstraße 18
63589 Lützelhausen
Deutschland
Telefon: 06051/69873 (Deutschland)
E-Mail-Adresse: info@sevenseaexplorer.com
Vervielfältigungen
des Artikels (auch auszugsweise) bedürfen der
schriftlichen Zustimmung des Autors. Dies gilt unabhängig von der Form der
Vervielfältigung, wobei Übersetzungen
mit eingeschlossen sind.
Eventuelle
Anfragen in deutscher, italienischer und englischer
Sprache zum Inhalt des Textes sowie urheberrechtliche Fragen sind
willkommen.
Lützelhausen, den 15. Dezember 2000